Es gibt Momente in der Trauer, da kreist alles um ein einziges Bild, einen Gedanken, eine Szene. Etwas, das sich tief in dein Herz und dein Gehirn eingebrannt hat und sich immer wieder meldet. Ich vermute, du kennst das. Der Grund ist meist, dass unser Inneres verzweifelt versucht, etwas zu begreifen, das sich unserer Kontrolle entzogen hat. Und dennoch versuchen wir „die Wahrheit“ finden. Doch das ist so eine Sache mit der Wahrheit, denn sehr oft kennen wir die Wahrheit nicht und werden sie wohl niemals kennen. Was wir kennen, ist meist nur unsere Interpretation.
Und genau hier liegt der entscheidender Punkt, der in der Trauerverarbeitung sehr hilfreich sein kann: Wenn wir die Wahrheit nicht kennen, haben wir immer eine Wahl, welche Geschichte wir uns darüber erzählen.
Damit ist nicht gemeint, etwas schönzureden. Es geht nicht darum, Schmerz zu verdrängen oder so zu tun, als wäre alles gut. Und es geht schon gar nicht um toxische Positivität. Es geht um Verantwortung für das eigene innere Erleben und um die Frage: Wenn ich die Wahrheit niemals erfahren werde, welche Geschichte hilft mir, mein verwundetes Herz zu heilen und welche hält mich im Schmerz fest? Welch großen Unterschied das für das weitere Leben machen kann, war auch im letzten Online Trauertreffen Thema.
Warum unser Gehirn Geschichten liebt
Unser Gehirn ist ein Sinnsucher und es mag keine offenen Enden. Wenn etwas geschieht, das wir nicht verstehen, beginnt es automatisch, Lücken zu füllen. Mit Bildern, Bedeutungen, Annahmen oder sogar alten Glaubenssätzen. Das passiert nicht bewusst, sondern aus einem tiefen Bedürfnis nach Orientierung.
Oft geraten diese inneren Geschichten aus dem Gleichgewicht, besonders auch in der Trauer um ein geliebtes Tier. Das Gehirn greift nämlich bevorzugt auf Erklärungen zurück, die den Schmerz erklären sollen, Schuld, Vorwürfe und „hätte ich doch“. Das passiert nicht, weil sie die „Wahrheit“ sind, sondern weil sie emotional stark sind und sich deshalb besonders gut einprägen.
Was dabei oft übersehen wird: Jedes Mal, wenn wir dieselbe schmerzhafte Geschichte wiederholen, wird sie innerlich gefestigt und sie wird vertraut. Und Vertrautheit fühlt sich im Gehirn schnell wie Wahrheit an.
Gleichzeitig besitzt unser Gehirn die Fähigkeit, sogenannte neue „neuronale Bahnen“ zu entwickeln. Das geschieht natürlich nicht über Nacht und es wäre zu schön, gäbes dafür einen Schalter, den wir nur umzulegen brauchen. Es braucht dafür aber vielmehr ein behutsames, wiederholtes Umlenken, durch neue innere Erzählungen, die nicht weniger wahr sind, aber weniger zerstörerisch. Denn du erinnerst dich: das meiste, das wir als Wahrheit empfinden, ist reine Interpretation. Ich wiederhole das deswegen so oft, weil es so unglaublich wichtig ist, zu verstehen.
Mucki und sein letzter Blick
Ich möchte dir an dieser Stelle von Mucki und dem Tag seiner Euthanasie erzählen.
Der Blick meines Katers in dem Moment, als ich ihm das Schlafmittel gegeben habe, um ihm den Stress vor dem Kommen der Tierärztin zu ersparen, hat mich monatelang verfolgt. In meiner Erinnerung war er fragend, verwirrt, ja er hatte für mich sogar etwas in sich, das ich mit „Entsetzen“ beschrieben hatte. Und als ob das nicht schon quälend genug gewesen wäre, habe ich ihn immer weiter aufgeladen. Mit schmerzhaften Bedeutungen, Schuld, Selbstvorwürfen und der Vorstellung, er hätte sich von mit verraten gefühlt.
Ich habe ihm meine Gedanken in sein kleines rot-weißes Flauschköpfchen gelegt, immer und immer wieder. Und jedes Mal tat es noch mehr weh.
Doch irgendwann habe ich mir die ehrliche Frage gestellt: Werde ich jemals wissen, was Mucki in diesem Moment empfunden hat?
Die Antwort war klar: Nein.
Und genau dieses „Nein“ schenkte mir plötzlich eine Wahl.
Ich konnte mir weiterhin eine Geschichte erzählen, die mich innerlich zerreißt. Oder ich konnte mir eine andere erlauben. Eine, die genauso möglich ist und mich mit Muckis letztem Blick versöhnt, der drohte unsere wunderbaren 16,5 Jahre zu überschatten.
Mittlerweile erzähle ich mir eine andere Geschichte über diesen Blick. Dass er liebevoll war und dass er getragen war von tiefem Vertrauen. Ja, dass er vielleicht ein bisschen fragend war, aber nicht vorwurfsvoll. Dass da Dankbarkeit war und ein Einverstanden-Sein mit dem Ende des Leidens.
Wie auch du eine schmerzhafte Geschichte umschreiben kannst, darüber schreibe ich übrigens ausführlich in meinem Buch „Weil jede Trauer Liebe ist“ und zeige dir Schritt für Schritt wie das geht.
Ich werde nie wissen, ob es so war.
Aber ich weiß, dass diese Geschichte mein Herz leichter werden ließ und dass sie meiner Beziehung zu Mucki millionenfach gerechter wird als die andere.
Heilsame Geschichten sind kein Betrug
Ich kann den Widerstand einiger von euch direkt spüren und höre ein vielfaches „ja aber“. „Ja aber machst du es dir da nicht zu leicht?“ Oder: „Ja aber das ist doch Schönrederei.“ Oder: „Ja aber das kannst du dir doch nicht wirklich glauben“. Ich verstehe dich, denn anfangs kamen auch mir diese und viele weitere „ja aber“ in den Sinn.
Doch: Eine heilsame Geschichte ist keine Lüge. Sie ist eine bewusste Entscheidung, die anerkennt, dass es mehrere Deutungen geben kann, wenn die Fakten fehlen. Und sie wählt jene, die eine liebevolle, tiefe Verbundenheit ermöglicht statt Selbstzerstörung.
Die Positive Psychologie zeigt, dass Menschen nicht an dem wachsen oder zerbrechen, was sie erleben, sondern daran, wie sie Erlebtes innerlich einordnen. Und die Neurowissenschaft bestätigt: Neue Bedeutungen schaffen neue innere Wege. Je öfter wir eine hilfreiche Geschichte denken, desto leichter wird sie zugänglich. Das bedeutet nicht, dass zum Beispiel Schuldgefühle sofort verschwinden, aber sie verlieren ihre absolute und oft zerstörerische Macht. Sie werden eine Stimme unter mehreren, nicht mehr die einzige. Nach und nach werden die schönen, heilsamen und liebevollen Gedanken lauter. Und mit ihnen wird alles leichter und es entsteht eine tiefe, ruhige und vertrauensvolle Verbundenheit zu dir selbst und vor allem auch zu deinem Liebling.
Schreibimpuls: Ich weiß es nicht, also wähle ich …
⏰ Nimm dir 15 Minuten Zeit
🛋️ Mach es dir gemütlich und schau, dass du ungestört bist
😮💨 Atme drei Mal tief ein und aus
💭 Denke dann eine Szene, einen Moment, einen Gedanken, der dich bis heute belastet.
📝 Greif dann zu Stift und Papier und schreibe auf, was dir dazu durch den Kopf geht.
Lies dir dann durch, was du geschrieben hast und unterstreiche jene Sätze, von denen du merkst, dass das mehr Interpretation als Wissen ist.
Wenn du damit fertig bist, schreibe den Satz „Wenn ich es nicht wissen kann, darf ich wählen.“ auf.
Darunter bringt du denselben Moment noch einmal zu Papier, doch dieses Mal mit einer anderen inneren Stimme, einer versöhnlicheren. Wie könntest du diese Geschichte anders erzählen?
Lies dir dann beide Versionen nochmals durch und spüre, welche dich ein kleines Stück leichter fühlen lässt und warum.
Vielleicht ist genau dort der Anfang deiner neuen Geschichte.
Alles Liebe 🫶
Claudia






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