Es gibt Bilder, die wir so oft gesehen haben, dass wir kaum noch darüber nachdenken, woher sie eigentlich kommen. Der Tod trägt Schwarz, oft kommt er mit einer Sense. Er nimmt uns jemanden weg. Trauer ist dunkel, schwer und lässt uns nicht mehr glücklich sein.
Und es gibt Sätze, die ähnlich tief in uns verankert sind, wie etwa: Du musst loslassen. Irgendwann musst du wieder nach vorne schauen. Die Zeit heilt alle Wunden. Oder, wenn wir um ein Tier trauern, diesen besonders schmerzhaften Satz: Es war doch nur ein Tier.
Vielleicht hast du keinen dieser Sätze jemals bewusst für dich entschieden und trotzdem können sie beeinflussen, wie du deine eigene Trauer erlebst. Denn wir beginnen nicht erst dann, etwas über Tod und Trauer zu lernen, wenn unser eigenes Tier stirbt. Wir bringen bereits eine ganze Geschichte darüber mit.
Was hast du über Trauer gelernt?
Vielleicht wurde in deiner Familie offen über Verstorbene gesprochen, es standen ihre Fotos weiterhin im Wohnzimmer und niemand fand es merkwürdig, wenn Jahre später noch Tränen kamen.
Vielleicht war es aber auch ganz anders: Der Tod war etwas, über das man möglichst wenig sprach. Bereits nach kurzer Zeit wurde erwartet, dass das Leben wieder normal weitergeht. Wer lange traurig war, musste sich irgendwann anhören, dass er doch wieder nach vorne schauen müsse.
Und dann gibt es natürlich noch all das, was wir außerhalb unserer Familien gelernt haben. Aus Büchern, Filmen, Religion, unserem Umfeld und einer Gesellschaft, die mit Trauer häufig erstaunlich wenig anfangen kann.
All das kann dazu führen, dass wir irgendwann nicht nur trauern, sondern gleichzeitig unsere eigene Trauer beurteilen.
Warum bin ich noch immer so traurig?
Müsste es mir nicht langsam besser gehen?
Warum kann ich seine Sachen noch nicht wegräumen?
Ist es normal, dass ich noch mit meiner Katze spreche, obwohl sie gar nicht mehr da ist.
Darf ich lachen, obwohl mein Hund erst vor wenigen Wochen gestorben ist?
Und manchmal ist es hilfreich, einen Moment innezuhalten und sich eine ganz andere Frage zu stellen: Ist das, was ich über Trauer glaube, eigentlich wirklich meine eigene Wahrheit?
Wenn deine Trauer noch ganz frisch ist und du gerade erst versuchst, dich in diesem völlig veränderten Leben zurechtzufinden, habe ich in meiner kostenlosen „Erste Hilfe für deine Trauer“ Gedanken und Impulse für diese besonders schwere Zeit zusammengestellt.
Manche Sätze werden irgendwann zu unseren eigenen
Besonders spannend finde ich jene Überzeugungen, die wir irgendwann gar nicht mehr als etwas erkennen, das wir gelernt haben.
Wenn ich wieder glücklich bin, bedeutet das, dass ich mein Tier weniger vermisse.
Wenn ich seine Sachen wegräume, lasse ich es im Stich.
Ich bleibe in meiner Trauer stecken, wenn ich seine Sachen NICHT wegräume.
Wenn ich mich für die Einschläferung entschieden habe, bin ich schuld an seinem Tod.
Wenn ich heute wieder so viel weine wie ganz am Anfang, habe ich einen Rückschritt gemacht.
Solche Gedanken fühlen sich oft wie Tatsachen an. Aber ein Gedanke ist zunächst einmal nur ein Gedanke. Und vielleicht lohnt es sich, ihn nicht sofort zu glauben, sondern ihn ein wenig neugierig anzuschauen.
Woher kenne ich diesen Satz eigentlich?
Wer hat mir beigebracht, dass Trauer so aussehen sollte?
Was spricht dafür?
Was spricht dagegen?
Und vor allem: Was macht dieser Gedanke mit mir?
Vielleicht musst du dein Tier gar nicht loslassen
„Loslassen“ ist bei alledem wahrscheinlich eines der Worte, mit denen ich in meiner Arbeit am meisten hadere.
Natürlich gibt es etwas, das wir nach dem Tod eines geliebten Tieres irgendwann schmerzlich anerkennen müssen: Unser gemeinsamer irdischer Weg ist zu Ende gegangen. Ich kann meinen Mucki nicht mehr hochheben, sein Fell fühlen oder sein Schnurren hören. Diese körperliche Wirklichkeit lässt sich durch keinen noch so schönen Gedanken verändern.
Aber warum sollte daraus folgen, dass ich auch unsere Beziehung loslassen muss? Die moderne Trauerforschung kennt dafür den Begriff Continuing Bonds, also fortbestehende Verbindungen. Die Vorstellung dahinter ist eigentlich sehr menschlich: Eine Beziehung muss mit dem Tod nicht einfach verschwinden. Sie kann sich verändern.
Vielleicht sprichst du weiterhin mit deinem Tier.
Vielleicht steht seine Urne an einem Ort, an dem du jeden Tag vorbeikommst.
Vielleicht nimmst du sein Foto mit auf eine Reise.
Vielleicht gibt es einen bestimmten Satz, den du immer noch zu ihm sagst.
Vielleicht triffst du eine Entscheidung und denkst: Das hätte dir gefallen.
All das bedeutet nicht automatisch, dass du „nicht loslassen kannst“. Vielleicht hast du vielmehr längst begonnen, eine andere Form für eure Verbindung zu finden.
Auch in meinem Buch „Weil jede Trauer Liebe ist“ geht es immer wieder darum, wie du deinem Tier einen neuen Platz in deinem Leben geben kannst indem du herausfindest, wie sich eure Verbindung verändern und weiterbestehen darf.
Trauer darf mehr als eine Wahrheit gleichzeitig haben
Ich glaube, einer der größten Irrtümer über Trauer ist die Vorstellung, dass ein Gefühl das andere irgendwann ablösen müsse.
Erst bin ich traurig. Dann wird es besser. Und irgendwann bin ich wieder glücklich. So geordnet funktioniert Trauer nur leider selten. Ich kann mein Tier schrecklich vermissen UND einen wunderschönen Tag haben. Ich kann dankbar für viele gemeinsame Jahre sein UND wütend darüber, dass es nicht noch mehr geworden sind. Eine Entscheidung kann zum Wohl des Tieres gewesen sein UND ich kann mir trotzdem wünschen, ich hätte sie niemals treffen müssen. Ich kann lachen UND trauern. Ich kann ein gutes Leben führen UND mir wünschen, mein Tier wäre noch immer ein Teil davon.
Vielleicht müssen wir diese Widersprüche gar nicht auflösen, sondern dürfen lernen, sie miteinander auszuhalten. Genau deshalb ist das UND eines meiner liebsten Wörter in der Trauerbegleitung geworden.
Wenn sich alte Gedanken so vertraut anfühlen
Unser Gehirn ist auch im Erwachsenenalter veränderbar. Erfahrungen, Lernen, neue Bewertungen und wiederholte Verhaltensweisen können beeinflussen, welche Muster sich festigen und welche sich verändern. Das bedeutet natürlich nicht, dass du dir deine Trauer locker-flockig „anders denken“ kannst. Und es bedeutet schon gar nicht, dass ein paar positive Sätze genügen, damit dein Schmerz verschwindet. UND es bedeutet, dass du nicht jedem Gedanken, der sich über Jahre oder Jahrzehnte in dir festgesetzt hat, für den Rest deines Lebens folgen musst. Ich stelle mir manche dieser Gedanken gerne wie Wege vor, die wir sehr oft gegangen sind. Irgendwann laufen wir sie beinahe automatisch.
Vielleicht lautet einer deiner Wege:
Ich muss endlich loslassen.
Oder:
Ich hätte mehr tun müssen.
Oder:
Nach so langer Zeit dürfte es nicht mehr so wehtun.
Je öfter du diesen Weg gehst, desto vertrauter wird er. Das Interessante ist aber: Du kannst irgendwann stehenbleiben und dich fragen, ob du wirklich immer wieder dort entlanggehen möchtest. Nicht, indem du dir einfach das Gegenteil einredest, sondern indem du beginnst, genauer hinzuschauen.
Schreiben kann Gedanken sichtbar machen
Genau deshalb spielt Schreiben in meiner Arbeit mit Trauer eine so große Rolle. Gedanken sind im Kopf unglaublich schnell. Einer löst den nächsten aus, dann kommt eine Erinnerung dazu, ein Gefühl, vielleicht ein schlechtes Gewissen, und ehe wir uns versehen, stecken wir mitten in einer Gedankenspirale. Beim Schreiben müssen wir langsamer werden. Ein Satz steht plötzlich vor uns und wir können ihn anschauen.
Warum denke ich das eigentlich?
Woher kenne ich diesen Gedanken?
Ist er wirklich wahr?
Was löst er in mir aus?
Und wie würde sich meine Trauer verändern, wenn ich auch anders darauf schauen könnte?
Darum geht es für mich beim Deep Journaling nicht darum, Trauer schönzuschreiben oder schmerzhafte Gedanken einfach durch positive zu ersetzen. Es geht darum, neugierig zu werden auf das, was in uns passiert. Und manchmal entdecken wir dabei, dass eine vermeintliche Wahrheit über unsere Trauer eigentlich ein sehr alter Satz ist, der gar nicht zu uns gehört.
Was möchtest du aus deiner Trauer mitnehmen?
Vielleicht liegt darin sogar etwas, das weit über diesen einen Verlust hinausgeht. Die Trauer um unser Tier macht uns nicht immun gegen zukünftige Verluste. Sie sorgt auch nicht dafür, dass der nächste Abschied weniger wehtut. Aber vielleicht können wir durch sie trauerkundiger werden.
Vielleicht wissen wir beim nächsten Mal schon, dass Trauer keine gerade Linie ist.
Dass ein schwerer Tag nach drei besseren Wochen nicht bedeutet, wieder ganz am Anfang zu stehen.
Und dass Tränen kein Beweis dafür sind, dass wir etwas nicht „verarbeitet“ haben.
Dass wir nicht aufhören müssen zu lieben, um weiterzuleben.
Und das für mich Wichtigste: Dass eine Beziehung auch nach dem Tod einen Platz in unserem Leben haben darf.
Und wir lernen auch etwas darüber, was uns hilft, wenn unser Leben aus den Fugen gerät. Welche Menschen wir dann um uns haben möchten. Welche Sätze uns guttun und auf welche wir gerne verzichten können. Wann wir reden wollen oder Stille brauchen. Ob wir schreiben, spazieren gehen, Erinnerungen sammeln oder einfach eine Weile nur irgendwie durch den Tag kommen. Das alles ist Wissen über uns selbst.
Welche Geschichte möchtest du dir erzählen?
Ich möchte dir heute deshalb nicht sagen, welche Gedanken über Trauer „richtig“ sind. Ich möchte dich vielmehr einladen, deine eigenen ein wenig genauer kennenzulernen. Vielleicht möchtest du manche behalten und andere infrage stellen. Und vielleicht gibt es einen Satz, von dem du irgendwann merkst: Den habe ich sehr lange geglaubt. Aber ich möchte ihn nicht mehr mitnehmen. Nicht, weil deine Trauer verschwinden soll, sondern sondern weil du entscheiden darfst, welche Geschichte du dir über deine Trauer erzählst.
Dein Schreibimpuls für heute
⏰ Nimm dir 15 Minuten Zeit
🛋️ Mach es dir gemütlich und schau, dasss du ungestört bist
😮💨 Atme drei Mal tief ein und aus
📝 Greif zu Stift und Papier und beginne mit diesem Satz:
„Seit mein Tier gestorben ist, glaube ich, dass Trauer bedeutet …“
Schreib zunächst einfach weiter, ohne deine Gedanken zu bewerten. Vielleicht kommen zwei Sätze, vielleicht zwanzig.
Lies dir anschließend durch, was du geschrieben hast, und such dir einen Satz aus, bei dem du hängenbleibst.
Dann schreib weiter:
Woher kenne ich diesen Gedanken?
Was spricht für ihn und was vielleicht auch dagegen?
Was macht dieser Gedanke mit mir und meiner Trauer?
Wie könnte ich auch auf das schauen, was ich gerade erlebe?
Und zum Schluss vervollständige diesen Satz:
„Durch meine Trauer um dich möchte ich lernen, dass …“
Vielleicht weißt du die Antwort heute noch nicht, dann lass den Satz einfach stehen. Manche Antworten brauchen ein bisschen Zeit.
Alles Liebe 🫶
Claudia






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