Seit Muckis Pfoten am 13. Jänner 2023 diese Erde verlassen haben, habe ich Silvester in Gmunden verbracht. Ich brauchte und wollte Abstand zu den fordernden Stunden mit ihm im Keller, weil er immer so unglaublich in Panik war ob der Knallerei.
Den Jahreswechsel auf 2026 wollte ich dieses Mal zu Hause verbringen und ihn bewusst neu für mich gestalten. Ich war voller Vorfreude und Energie, hatte unzählige Ideen und auch schon einiges vorbereitet.
Doch es kam völlig anders und es war richtig mies, da gibt´s nichts zu beschönigen. Und das kam so.
Ein Jahreswechsel im Ausnahmezustand
Ich wohne in einer sehr ruhigen, beschaulichen Gegend am Stadtrand von Linz und ja, zu Silvester wurden auch hier immer Raketen abgefeuert. Doch das, was dieses Mal los war, spottet jeder Beschreibung und begann damit, dass schon am frühen Nachmittag die kleine Nachbarkatze völlig aus dem Häuschen ausgebüchst war. Stundenlang haben wir in Eiseskälte und aufkommender Dunkelheit immer wieder nach ihr gesucht. Ergebnislos. Unsere Wege führten uns dabei durch ein Böllerinferno, wie ich es hier noch nicht erlebt hatte und es war uns dann klar: keine noch so mutige Katze würde sich hier aus ihrem Versteck trauen.
Auf der Rückweg entdeckte ich eine brennende Schachtel mit Feuerwerksraketen neben einem Stromverteilerkasten und gemeinsam mit Anwohnern und Passanten löschten wir das Feuer. Und als ich nach Hause kam, kauerte da plötzlich der panische Kater eines über 95-jährigen, eremitischen Nachbarn vor der Türe, flitze als ich aufmachte ins Haus und fand seinen Weg ausgerechnet in meinen Keller.
Den Nachbarn erreichte ich nicht und so saß ich an Silvester wieder im Keller – mit einem fremden, zitternden Kater.
Willkommen im Flashback
Schlagartig sah ich mich zurückversetzt in all die Jahren davor, in denen ich den Jahreswechsel genau dort mit Mucki verbracht hatte. Und ich muss sagen: Es hat mich kalt erwischt. Denn es war eine große emotionale Nähe zu meinem alten Schmerz, meiner alten Wut sowie jener Traurigkeit und Hilflosigkeit die mich immer erfasste, wenn ich sah, wie sehr Mucki litt. Während um Mitternacht der Ausnahmezustand draußen seinen Höhepunkt fand, zogen vor meinem inneren Auge jene Bilder vorüber, die sich so sehr in mein Gedächtnis und auch mein Herz gebrannt hatten: ein kläglich wimmernder Mucki, der sich übergab und in manchen Jahren so hyperventilierte, dass ich dachte er würde sterben. So hatten wir damals beide Todesangst. Er ob des Lärms und der am Himmel explodierenden Lichter und ich fürchtete um sein Leben.
In der Traumaforschung ist man schon länger zu der Erkenntnis gekommen, dass man nicht erneut ins Trauma zurückmuss, um es zu verarbeiten, aber manchmal fragt einen auch niemand, ob man das denn nicht möchte.
Was ich durch die Verarbeitung meiner Trauer fürs Leben gelernt habe
Früher hätte mich so ein Abend vermutlich für Tage aus der Bahn geworfen. Ich hätte mich eine Woche später noch geärgert, hätte es als ungerecht empfunden, dass meine Pläne so durchgekreuzt wurden und mich fremdbestimmt gefühlt. Doch diesmal nicht. Ich habe durch die Verarbeitung meiner Trauer auch sehr viel über mich gelernt und darüber, wie ich (wieder) selbstbestimmte Herrin der Lage werde. Ich gelernt habe, gut bei mir zu bleiben, auch wenn es eng wird, und mich auf das zu fokussieren, was in meiner Macht, in meiner Hand liegt. Und ich weiß, dass immer auch schwierige Gefühle kommen dürfen, ohne dass sie das letzte Wort haben müssen.
Meine Trauer hat mich gelehrt hat, handlungsfähig und zuversichtlich zu bleiben, selbst dann, wenn das Leben mir einen Strich durch die Rechnung macht.
Wer sagt, dass es das nun war mit dem schönen Jahreswechsel?
Ich wollte das alles nicht so stehenlassen, also habe ich mein Silvester verschoben auf den 1. Jänner. Ich habe mir ein köstliches Luxus-Frühstück gemacht und dabei das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker angehört – übrigens eine der schönsten Erinnerungen an meine geliebte „Rote Oma“ bei der ich immer Silvester verbracht habe. Habe Wunderkerzen eingepackt und bin eine bezaubernd schöne, winterliche Runde spazieren gegangen zu einem hoch gelegenen Café. In dicke Decken gehüllt und mit einem köstlichen Kaffee sah ich in der abendlichen Stille der Wintersonne zu, wie sie orange-golden leuchtend hinter dem Horizont verschwand. Ich habe meine Wunderkerzen angezündet, ein paar Herzenswünsche und liebevolle Gedanken an Mucki in die Nacht geschickt. Wieder zuhause angekommen, habe ich die Geschichte meines neuen Silvesters in mein Journal geschrieben und mir noch etwas Feines gekocht.
Das alles war kein „So tun, als wäre nichts gewesen“, sondern vielmehr ein „Ich habe immer die Wahl, was ich aus einer Situation mache und welche Geschichte ich mir darüber erzähle“.
Du bist die Autorin deines Lebens
Wir können nicht verhindern, dass furchtbare Dinge geschehen oder etwas schiefgeht. Aber wir können entscheiden, wie viel Raum sie bekommen und wem wir es überlassen, die Geschichte unseres Lebens zu schreiben. Und unser Nervensystem lernt durch solche Erfahrungen etwas ganz Wichtiges: Sicherheit entsteht nicht nur dadurch, dass alles ruhig bleibt, sondern auch dadurch, dass wir uns selbst regulieren können, wenn es nicht ruhig ist. Wie haben immer die Wahl, wie wir mit Widrigkeiten des Alltags und selbst mit Schicksalsschlägen umgehen und leben.
Wie du dein gesamtes Leben veränderst, wenn du die Trauer um dein Tier verarbeitest, gebe ich auch in all meinen Angeboten zur Trauerverarbeitung weiter – von der kostenlosen „Erste Hilfe für deine Trauer“ über mein Buch „Weil jede Trauer Liebe ist“ bis hin zu den Online Trauertreffen und vor allem in meinem Online-Trauerprogamm „Pfotentrauerreise“, das wohl den nachhaltigsten positiven Einfluss auf deine Trauer als auch dein ganzes Leben hat, wenn du dich darauf einlässt.
Aus der Trauer heraus wächst oft eine neue Kompetenz: Die Fähigkeit, Bedeutungen zu verschieben und die Lebensfreude nicht aufzugeben, sondern neu zu verorten. Das ist kein Verrat an der Liebe zu deinem Tier, ganz im Gegenteil. Es ist wohl der größte Ausdruck davon.
Schreibimpuls: Szene 3 – Klappe 2
Wie im Film können wir auch im Leben die meisten (nicht alle) Szenen nochmals drehen und sie anders enden lassen. Schließlich sind wir die Regisseure unseres Lebensfilm, auch wenn es natürlich immer wieder Dinge gibt, die außerhalb unseres Wirkungskreise liegen. Aber selbst dann können wir entscheiden, wie es ab da an weitergeht.
⏰ Nimm dir 15 Minuten Zeit
🛋️ Mach es dir gemütlich und schau, dass du ungestört bist
😮💨 Atme drei Mal tief ein und aus
💭 Denke an eine kleine Sache, eine überschaubare Situation, die nicht so gelaufen ist, wie du es gerne gehabt hättest. Das kann mit deinem Liebling zu tun haben, muss es aber nicht. Vielleicht ist es etwas aus der Arbeit oder deinem Privatleben.
📝 Greif dann zu Stift und Papier und schreibe auf, was da für dich nicht okay war, was du anders wolltest oder dir anders vorgestellt hast. Sei ganz ehrlich mit dir selbst und du darfst dich ruhig auch (nochmal) ärgern darüber oder traurig sein. Es geht hier nicht darum, etwas rückwirkend schön zu reden.
Wenn du damit fertig bist, schreibe nun auf, was du heute tun könntest, um dir deinen Wunsch von damals zu erfüllen oder den Moment von damals dieses Mal positiv zu erleben oder schau, ob die damalige Situation nicht doch auch etwas Gutes hatte, das sich vielleicht erst später gezeigt hat.
Deine neue Regianweisung
Lies dir dann durch, was du geschrieben hast und schreib ein kurze Regieanweisung.
Hier ein paar einfache Beispiele:
„Die nächste Szenen spielt im Café und ich genieße die köstliche Torte, die ich mir damals nicht gegönnt habe.“
Oder
„Die nächste Szene ist ein Spaziergang mit meiner Freundin und ich sage ihr ganz ruhig, dass mich das damals verletzt hat, damit ich nicht weiter dauernd darüber nachdenke.“
Oder
„In der nächsten Szene stehe ich im Sonneruntergang auf einem Berggipfel und genieße die Aussicht. Ich bin alleine losgegangen, weil mein Freund nicht wollte und bin so glücklich, es für mich getan zu haben.“
Ich bin mir sicher, du weißt, was ich meine.
Ach ja, bevor ich es vergesse: dem „Kellerkater“ Moppel (ich nenne ihn so weil ich gar nicht weiß, wie er heißt und er durchaus ähm stattlich 😅 ist) geht es gut und auch die kleine Ausreißerin hat nachts um 02:00 Uhr den Weg wieder nach Hause gefunden.
Alles Liebe 🫶
Claudia






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