Trauer um ein Tier: Was uns ein Hummer über das Weiterleben nach einem Verlust erzählen kann

Vor Kurzem habe ich im Buch „Hummerfrauen“ von Beatrix Gerstberger einen Satz gelesen, der mich innehalten hat lassen. Es ging darum, dass Hummer sehr alt werden können und im Laufe ihres Lebens immer wieder ihren Panzer abwerfen müssen, um weiter wachsen zu können.   „Sie stapeln Leben auf Leben, ohne zwischendurch den Tod hereinzulassen.“   […]

Vor Kurzem habe ich im Buch „Hummerfrauen“ von Beatrix Gerstberger einen Satz gelesen, der mich innehalten hat lassen. Es ging darum, dass Hummer sehr alt werden können und im Laufe ihres Lebens immer wieder ihren Panzer abwerfen müssen, um weiter wachsen zu können.

 

„Sie stapeln Leben auf Leben, ohne zwischendurch den Tod hereinzulassen.“

 

Ich weiß nicht, was genau es war, aber dieser Gedanke hat mich berührt.

Vielleicht weil ich sofort an Trauer denken musste und an dieses seltsame Leben nach dem Verlust eines geliebten Tieres, in dem wir ja auch nicht einfach ein altes Leben beenden und irgendwann ein völlig neues beginnen.Wir nehmen unser altes Leben mit und trotzdem müssen wir irgendwie in ein neues hineinwachsen.

 

Der alte Panzer passt irgendwann nicht mehr

Die Biologie ist natürlich ein bisschen weniger poetisch als dieser Satz. Hummer besitzen ein hartes Außenskelett und weil dieser Panzer nicht mitwachsen kann, müssen sie ihn immer wieder abwerfen. Junge Hummer tun das häufig, ältere sehr viel seltener. Amerikanische Hummer können dadurch vermutlich sogar an die 100 Jahre alt werden. Aber mich interessiert weniger die Zoologie als das Bild dahinter. Denn vielleicht passiert auf unserem Trauerweg etwas Ähnliches. Nach dem Tod unseres geliebten Tieres versuchen wir zunächst oft, irgendwie in unserem alten Leben weiterzumachen. Die Wohnung ist dieselbe, der Garten ist derselbe, wir sind dieselben Menschen.

Und gleichzeitig stimmt nichts mehr.

Da steht noch der Futternapf, dort ist die Stelle auf dem Sofa, auf der unser Liebling immer gelegen ist. Wir gehen zur selben Uhrzeit ins Bett und plötzlich fehlt diese vertraute Wärme neben uns. Wir kommen nach Hause und niemand wartet.

 

Das alte Leben ist noch überall da. Nur wir passen nicht mehr richtig hinein.

 

Was bedeutet das nun für die Trauer? 

An dieser Stelle gefällt mir das Bild vom Hummer besonders gut. Denn wenn er seinen Panzer abwirft, wirft er schließlich nicht sein bisheriges Leben weg. Er bleibt im Inneren derselbe Hummer – mit allem, was vorher war. Nur die Hülle, die ihn bisher durchs Leben getragen hat, reicht für das, was als Nächstes kommt, nicht mehr aus.

Vielleicht ist das auch eine schöne Sichtweise auf Trauer.

Denn wie oft hören wir, wir müssten „loslassen“? Ich mag dieses Wort bis heute nicht besonders. Warum sollte ich die Liebe zu meinem Tier loslassen? Warum sollte ich unsere gemeinsame Geschichte zurücklassen? Vielleicht geht es überhaupt nicht darum, vielleicht dürfen wir mit all dem weiterwachsen. Mit den Erinnerungen, der Liebe, mit den Eigenheiten, die unser Tier so besonders gemacht hat und mit all den Geschichten, die nur wir beide kennen.

 

Auch wir stapeln gewissermaßen Leben auf Leben. Das gemeinsame Leben verschwindet nicht. Es wird Teil dessen, was als Nächstes kommt.

 

Nach der Häutung ist der Hummer verletzlich

Und dann habe ich noch etwas über Hummer gelesen, das mich fast noch mehr berührt hat. Eine Häutung ist keine gemütliche Angelegenheit, sie kostet enorme Kraft. Der alte Panzer wird abgestreift und darunter kommt zunächst ein neuer, ganz weicher Panzer zum Vorschein. Erst nach und nach wird er wieder hart und schützt das Tier. In dieser Zwischenzeit ist der Hummer besonders verletzlich.

Und vielleicht erkennst du dich darin ein wenig wieder.

Nach einem großen Verlust fehlt auch uns plötzlich eine Schutzschicht. Dinge, die uns früher kaum länger als ein paar Sekunden beschäftigt  hätten, treffen plötzlich mitten ins Herz. Ein Lied, eine unachtsame Bemerkung, ein Hund, der unserem ähnlich sieht. Oder der Griff im Supermarkt zum Lieblingsfutter und Nachbars Katze, die vertraut und doch fremd um unsere Beine streicht. Und wir stehen da mit unserem neuen, noch ganz dünnen Panzer und spüren alles besonders intensiv.

Vielleicht bist du gerade in dieser Phase. Dann möchte ich dir sagen:

Du musst dir nicht schnell wieder einen harten Panzer zulegen oder musst nach drei Monaten wieder voll „funktionieren“. Du musst nicht nach einem Jahr endlich „darüber hinweg“ sein. Vielleicht braucht dein neuer Panzer einfach noch Zeit.

 

Ein neues Leben ist aber nicht automatisch ein Leben ohne dein Tier

Das ist für mich vielleicht der schönste Gedanke an diesem ganzen Bild. Wenn wir nach einem Verlust langsam wieder beginnen zu leben, entsteht nicht plötzlich ein komplett anderes Leben. Wir beginnen auch nicht bei null.

Ja, es stimmt: Ich bin heute nicht die Claudia, die ich vor Mucki war.

Und ich bin auch nicht mehr die Claudia, die ich mit Mucki war.

Doch ich bin jemand, in dessen Geschichte und Leben Mucki für immer eine große Rolle spielt.

Er hat beeinflusst, wie ich liebe und wie ich auf Tiere schaue. Wie ich über den Tod denke und was ich über Trauer weiß. Er hat seine Pfoten Spiel, welche Arbeit ich heute mache und welche Menschen ich in ihrer Trauer begleite. Selbst mein Buch „Weil jede Trauer Liebe ist“ würde ohne ihn nicht existieren. Und auch dieses Seelenfutter nicht. 

Wie könnte also jemand behaupten, dass ich ihn zurückgelassen, dass ich ihn losgelassen hätte? Ich habe ihn mitgenommen und werde das weiterhin tun. 

 

Vielleicht besteht Weiterleben genau darin

Viele haben manchmal Angst davor, dass ein neues Leben das alte verdrängt. Manchmal höre ich den den Online Trauertreffen Gedanken wie:

Wenn ich wieder lache, entferne ich mich dann von meinem Liebling?

Wenn ich verreise, lasse ich ihn dann zurück?

Was ist, wenn ich mein Zuhause verändere? Verrate ich ihn dann? 

Wenn irgendwann ein neues Tier einzieht, vergesse ich ihn dann nach und nach?

Wenn Tage kommen, an denen ich nicht mehr weine, heißt das dann, dass ich ihn weniger liebe?

 

Nein. Vielmehr wächst einfach etwas Neues um all das herum, was bereits da ist. Nicht statt der gemeinsamen Geschichte, sondern mit ihr.

Und vielleicht darfst du irgendwann zurückblicken und erkennen:

Es gab das Leben mit meinem Tier. Dann kam diese schreckliche Zeit, in der ich nicht wusste, wie mein Leben ohne seine körperliche Nähe überhaupt funktionieren sollte. Und langsam entstand etwas Neues: Leben auf Leben.

 

Und irgendwann müssen wir uns wieder häuten

Vielleicht gefällt mir die Metapher auch deshalb, weil sie nicht behauptet, Veränderung sei irgendwann abgeschlossen. Ein Hummer häutet sich schließlich nicht einmal und sagt: So, fertig. Solange er wächst, braucht er immer wieder mehr Raum und vielleicht ist es mit unserer Trauer ähnlich.

Was uns in den ersten Wochen Halt gegeben hat, brauchen wir nach einem Jahr vielleicht nicht mehr. Etwas, das wir lange nicht weggeben konnten, dürfen wir plötzlich verändern. Eine Erinnerung, die uns monatelang zum Weinen gebracht hat, lässt uns eines Tages lächeln.

Und dann kommt vielleicht ein Jahrestag und plötzlich passt unser vermeintlich so stabiler Panzer schon wieder nicht. Also verändern wir uns erneut. Das ist kein Rückschritt, es ist ein Zeichen von Wachstum.

 

Deep Journaling: Wenn der alte Panzer zu eng geworden ist

Genau dabei kann Schreiben unglaublich wertvoll sein. Denn oft merken wir im Alltag gar nicht, dass wir längst versuchen, in etwas weiterzuleben, das uns nicht mehr passt.

Wir denken: So müsste ich inzwischen sein, so müsste Trauer jetzt aussehen. Das müsste ich längst geschafft haben.

Beim Deep Journaling können wir solche Gedanken sichtbar machen und herausfinden: Was davon möchte ich weiterhin mit mir tragen und was brauche ich nicht mehr, um in Liebe verbunden zu bleiben? Das ist für mich einer der wichtigsten Unterschiede:

 

Wir schreiben nicht, um unser Tier loszulassen. Wir schreiben, um herauszufinden, wie wir es in unser verändertes Leben mitnehmen können.

 

Schreibimpuls: Welcher Panzer passt dir nicht mehr?

⏰ Nimm dir etwa 15 Minuten Zeit.

🛋️ Mach es dir an einem Ort gemütlich, an dem du für einen Moment ungestört bist.

😮‍💨 Atme ein paar Mal ruhig ein und aus.

📝 Und beginne dann mit diesem Satz:

„Seit du nicht mehr da bist, versuche ich immer noch …“

Schreib einfach weiter, ohne deine Gedanken zu bewerten.

Vielleicht versuchst du noch immer, so zu funktionieren wie früher. Vielleicht versuchst du, bestimmte Erinnerungen festzuhalten oder vielleicht glaubst du, etwas tun, fühlen oder längst überwunden haben zu müssen.

Wenn du fertig bist, lies deinen Text noch einmal und frage dich: Was davon schützt mich noch und was ist inzwischen zu eng geworden? Und dann schreib einen zweiten Satz:

„In meinem Leben mit dir darf bleiben …“

Und schließlich:

„In meinem Leben ohne deine körperliche Nähe darf neu entstehen …“

 

Und vielleicht liegt genau da dein nächster Schritt: Nicht das alte Leben wegzuwerfen, sondern ihm genug Raum zu geben, damit ein neues darum herum wachsen kann.

 

Alles Liebe 🫶
Claudia

Als ausgebildeter „Deep Journaling Instructor“ beschäftige ich mich seit Jahren mit der heilsamen Kraft des Schreibens. Wenn ich in einer schwierigen Lage bin, greife ich zu Stift und Papier und bin immer wieder begeistert, was sich durch Schreiben alles lösen lässt. Im Jänner 2023 musst ich nach über 16 Jahren meinen Seelenkater Mucki gehen lassen. Da habe ich beschlossen, aus meiner persönlichen Erfahrung des Trauerns und der heilsamen Kraft des Schreibens ein Programm zu entwickeln. Damit möchte ich Menschen in dieser Ausnahmesituation helfen, ihre Trauerreise so einzigartig und persönlich zu gestalten, wie das Leben mit ihrem Seelentier war.

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