Beim Tierarzt hatte mein Kater Mucki seine ganz eigene Art, „Nein“ zu sagen. Er hat nie gefaucht oder gebissen. Wenn ihm etwas zu viel wurde, hob er einfach seine Pfote und schob sanft aber nachdrücklich die Hand des Tierarztes ein Stück weg. Er wurde nie aggressiv oder machte Theater, aber es war eine klare Botschaft: So nicht. Der Tierarzt musste jedes Mal schmunzeln ob des „sozial verträglichsten Nein, das ich von einer Katze kenne“. Mucki wusste offenbar sehr genau, was für ihn passt und was nicht – und er wusste es würdevoll zu kommunizieren.
Ich denke oft an diese Szene, wenn es um Trauer geht.
Denn auch in der Trauer geraten wir schnell in Situationen, in denen uns etwas „zu nahe kommt“. Erwartungen von außen wie etwa Sätze wie „Du musst loslassen“. Oder wenn Menschen sich oft selbst das Gegenteil sagen: „Der Schmerz darf niemals kleiner werden, sonst verrätst du dein Tier.“ Damit verbunden neigen viele Trauernde dazu, sich in Sprüchen und Bildern zu verlieren, die so etwas wie eine Bestätigung ihres Schmerzes sind.
Und ja: All das kann für einen Moment Halt geben und Halt ist wichtig – gerade am Anfang, wenn man das Gefühl hat, die Welt dreht sich plötzlich verkehrt herum und man droht, aus ihr zu fallen.
Aber Halt allein verändert leider nichts.
Zwischen Trost und Verarbeitung
Zwischen Trost und Verarbeitung liegt ein Unterschied. Und beides ist wichtig.
Trost beruhigt das Nervensystem. Verarbeitung verändert unsere innere Landkarte.
Doch was heißt das nun genau?
Wenn ein geliebtes Tier stirbt, zerbricht nicht nur der Alltag wie wir ihn kennen und lieben, auch unser emotionales Gefüge verändert sich drastisch. Gewohnheiten, die unseren Tag strukturierten fehlen und liebevolle Rituale fallen weg. Damit verschiebt sich auch unsere eigene Identität und immer öfter taucht die Frage auf: Wer bin ich ohne dieses geliebte Wesen an meiner Seite?
Unser Gehirn versucht in dieser Zeit, das Erlebte einzuordnen. Erinnerungen werden neu sortiert und Bedeutungen verschieben sich. Du kennst das vielleicht: manches wiegt plötzlich viel schwerer und bei anderem denkt man sich, dass das doch völlig egal ist angesichts dieses großen Verlustes. Das ist eine große Herausforderung, aber auch eine große Chance. Unser Gehirn arbeitet gerade in den ersten Wochen und Monaten der Trauer auf Hochtouren daran, die neue Realität zu begreifen. Es muss lernen, dass dieses Wesen physisch nicht mehr da ist und gleichzeitig bleiben die Liebe und die innere Bindung bestehen. Diese Spannung fühlt sich oft an, als würde es einem das Herz zerreißen oder man glaubt, „verrückt“ zu werden.
Wie ein Pflaster auf einer tiefen Wunde
Wenn wir unsere Trauer nur überdecken, bleibt vieles ungelöst und chaotisch in uns. Das ist ein bisschen so, als würde man auf eine tiefe Wunde einfach ein Pflaster kleben. Von außen sieht man sie nicht mehr, aber darunter kann sie sich weiter entzünden. Ähnlich ist es in der Trauer. Trostsprüche, Ablenkung oder das ständige Kreisen um den Schmerz können kurzfristig helfen, verändern aber leider auf Dauer wenig. Erst wenn wir uns bewusst mit der Trauer und all ihren Gefühlen – und ja, ich meine wirklich ALLE – auseinandersetzen, beginnt Heilung. Trauer ist kein Zustand, den man einfach aushält, bis er vorbei ist. Zeit allein verändert wenig. Was wirklich etwas bewegt, ist der bewusste Umgang mit der eigenen Trauer.
Trauer ist ein Prozess, an dem wir beteiligt sind. Nicht, indem wir den Schmerz wegdrücken. Und auch nicht, indem wir uns ausschließlich in ihm einrichten, sondern indem wir ihm aktiv begegnen.
Was dabei hilft
Schreiben
Gerade zu Beginn der Trauer ist da vor allem eines: Chaos im Herzen und im Kopf. Schreiben hilft, nach und nach wieder etwas Ordnung zu schaffen. Die Vorstellung, dass du „nicht schreiben kannst“, sollte dich nicht davon abhalten, das Schreiben zur Trauerverarbeitung zu nutzen. Es ist kein Wettbewerb, keine literarische Meisterleistung und kein Rechtschreibtest. Es ist eine Methode, die dir dabei helfen kann, deine Trauer zu bewältigen, deine Gefühle zu verstehen und letztendlich Heilung zu finden.
💓 Denke daran, dass es in erster Linie um dich und deine Emotionen geht.
✍️ Du schreibst für dich selbst, nicht für ein Publikum.
⚓️ Erlaube dir, ehrlich und offen mit deiner Trauer zu sein.
Das Schreiben ist ein sicherer Hafen, in dem du deine Gefühle ausdrücken kannst, ohne Angst vor Ver- und Beurteilung oder verletzenden Kommentaren von Menschen, die dich und deine Trauer nicht verstehen.
Am Wirkungsvollsten ist es, mit der Hand zu schreiben.
„Ein Stück Papier und ein Kugelschreiber können Wunder bewirken, Schmerzen heilen, Träume in Erfüllung gehen lassen und verlorene Hoffnungen wiederbringen.“
Paulo Coelho
Widersprüchliche Gefühle zulassen
Der Verlust eines Tieres bringt das ganze System durcheinander: körperlich, seelisch, mental. Trauer ist kein reines Gefühl, sie betrifft dich auf allen Ebenen. Dein Körper schaltet um auf Notstrom, dein Gehirn sucht nach Orientierung und dein Herz weiß nicht, wie es den Schmerz aushalten soll.
Deshalb können sich viele in dieser Zeit kaum konzentrieren. Man vergisst Termine, Worte, manchmal sogar mitten im Satz, was man sagen wollte. Das ist keine Ansammlung von Fehlern, es ist dein System, das versucht, dich zu schützen.
In meinem Buch „Weil jede Trauer Liebe ist“ helfe ich dir durch diese Zeit und dabei, der Liebe einen neuen Platz zu geben in einer Welt, in der dein Tier dir körperlich nicht mehr nahe ist.
Sich bewusst mit Schuldgefühlen oder offenen Fragen auseinanderzusetzen
Schuld ist eines der häufigsten Gefühle in der Trauer um ein geliebtes Tier und auch die Frage nach dem „Warum“ quält viele Menschen. Wenn ich heute in meinem Trauertagbuch die Einträge der ersten Wochen nach Muckis Tod im Jänner 2023 lese, möchte ich die Frau, die damals immer wieder von „Warum“ und Schuldgefühlen geschrieben hat, in den Arm nehmen. Ich war so hart zu mir. Falls ihr die Serie „Heidi“ noch kennt: ich war meine eigene, strenge Gouvernante Fräulein Rottenmeier – unnachgiebig und oftmals sehr ungerecht. Was habe ich mich gequält mit unzähligen „Warum“-Fragen und den damit verbundenen Schuldgefühlen. Es war ein Teufelskreis. Zum Glück habe ich ihn schon lange durchbrochen und mein Herz befreit.
Es ist entscheidend, dir bewusst zu machen, dass nicht jede Frage eine zufriedenstellende Antwort hat. Wie in vielen anderen Lebensbereichen gilt auch für die Trauer, dass viele Fragen unbeantwortet bleiben. Das zu erkennen und vor allem auch zu akzeptieren, ist der wichtigste Schritt aus dem Teufelskreis von „“Warum“-Fragen und deinen Schuldgefühlen.Wenn du dich alleine damit überfordert fühlst, komm gerne einmal in eines der Online Trauertreffen.
Zudem hilft es, nach und nach die Fragen zu ändern. Sich etwa zu fragen, was das Tier im eigenen Leben bewegt hat, zu wem es einen gemacht hat und was man alles durch den Liebling gelernt hat.
Ja, all das ist Arbeit und anstrengend UND sie ist wirksam.
Was ist deine persönliche Geste des „NEIN“?
Noch einmal zurück zu Mucki und seinem „Pfoten-Nein“. Trauer bedeutet nicht, alles ungefiltert an sich heranzulassen. Nicht jede Botschaft tut gut, nicht jeder Rat passt und nicht jede Form von Trost ist hilfreich. Manchmal braucht es eine klare, ruhige und liebevolle Entscheidung: Das fühlt sich für mich nicht stimmig an. So möchte ich meiner Trauer nicht begegnen und auch nicht, dass andere so mit meiner Trauer umgehen. Damit übernimmst du die Selbstverantwortung für deine Gefühle und deine Trauerverarbeitung. Oft hilft es, sich eine Geste dafür zurechtzulegen. So verkörperst du deine Selbstwirksamkeit und stärkst dich selbst in solchen Momenten. Spür mal hin, was das für dich sein könnte. Es gibt dabei kein richtig oder falsch.
Ich lade dich ein, aktiv mit deiner Trauer zu arbeiten, um deinem Liebling einen Platz in deinem Leben zugeben, der nicht nur von Verlust erzählt, sondern auch von ganz viele Liebe und Verbundenheit. Doch auch hier entscheidest du alleine, ob das der richtige Weg für dich ist.
Wenn du meine Methode der Trauerverarbeitung ausprobieren möchtest, hole dir gerne meine kostenlose „Erste Hilfe für deine Trauer“. Ich begleite dich dabei sieben Tage per Mail mit einfachen, liebevollen und wirksamen Impulsen durch die häufigsten Gefühle in der Trauer.
Schreibimpuls: Deine innere Landkarte
⏰ Nimm dir 10–15 Minuten Zeit
🛋️ Mach es dir gemütlich und schau, dass du ungestört bist
😮💨 Atme drei Mal tief ein und aus
📝 Greif zu Stift und Papier und zeichne auf ein Blatt eine einfache Linie quer über die ganze Seite.
Links schreibst du:
„Als du auf Erden warst.“
Rechts schreibst du:
„Heute, wo du in meinem Herzen lebst.“
Und dann notiere entlang dieser Linie Stichworte oder kurze Sätze. Hier ein paar Fragen, die dir helfen können, du kannst es aber auch völlig frei gestalten wie du möchtest.
Was hat sich äußerlich verändert?
Was hat sich innerlich verändert?
Welche Eigenschaft in dir ist stärker geworden?
Was ist weggefallen?
Was ist neu entstanden?
Welche Fähigkeit hast du entwickelt, von der du früher nichts wusstest?
Du musst nichts groß ausformulieren. Es geht nur darum, sichtbar zu machen, was sich bewegt hat.
Zum Schluss markiere:
♥️ einen Punkt auf dieser Linie, wo sich eure Liebe besonders zeigt
☺️ einen Punkt auf dieser Linie, auf den du – bei aller Traurigkeit – auch stolz sein kannst
Dieses bewusste Hinschauen verändert nichts am Verlust, aber es verändert deine Beziehung dazu. Und manchmal beginnt es genau dort, leichter zu werden.
Alles Liebe 🫶
Claudia






0 Kommentare